3. Preis 2014

Kleingärten heute. Eine Untersuchung am Beispiel der Stadt Karlsruhe unter besonderer Berücksichtigung sozialer Aspekte.

Stefanie Schmitz-Veltin


Fragestellung
Am Beispiel der Stadt Karlsruhe wurde untersucht, wie die Kleingärten angenommen werden, ob und unter welchen Bedingungen das Miteinander unterschiedlicher Nationalitäten und Generationen funktioniert. Grundlegende Fragen zum Thema Garten und Stadt stellte bereits Wulf TESSIN (1994: Der Traum vom Garten – ein planerischer Albtraum? In: Europäische Hochschulschriften, Reihe 42, Bd. 14, Frankfurt, S. 179 f). Das meiner Diplomarbeit vorangestellte Zitat möchte ich aufgrund seiner Prägnanz an dieser Stelle wiederholen:     
„Es ist erstaunlich, dass in einer Zeit, wo rund 10% der Erwerbsfähigen arbeitslos sind, die Städte eine Vielzahl von Aussiedlern und Ausländern aufnehmen und sozial integrieren (müssen), der Garten als sozialintegratives Instrument in der städteplanerischen Diskussion noch nicht wirklich wiederentdeckt worden ist. Keine Diskussion um die Wieder-Öffnung des Kleingartenwesens für unterprivilegierte Gruppen (…), keine Wiederauflage der Kleinsiedlungsprogramme (etwa für Aus- oder Umsiedler aus Osteuropa), keine bzw. kaum Zurverfügungstellung von städtischen Brachflächen für Grabelandinteressierte, stattdessen lieber Ausweisung als ‚Stadtbiotop‘, so dass man sich die Frage nach den Gründen hierfür stellt. (...) Jedenfalls sieht man sich bisher nicht gezwungen, auf das sozialintegrative Instrument Garten zurückzugreifen. Oder man traut ihm mit Blick auf das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen diese Funktion auch gar nicht mehr zu?“

Methodik
Am Anfang der Arbeit stand eine vor dem Hintergrund diskutierter Einsparungen vom Amt für Stadtentwicklung durchgeführte Umfrage (2000) unter Karlsruher Kleingärtnern. Ein erster Blick auf die Umfrage zeigte schnell, dass die Kleingärten so beliebt sind, dass Einsparungen nicht vermittelbar wären. Eine nähergehende Auswertung erfolgte zunächst nicht, so dass die Rohdaten für die Diplomarbeit zur Verfügung standen. Da der Stichprobenumfang mit 375 Kleingärtnern aus 9 Anlagen  gering war und die Befragung nur die Sicht der Pächter wiederspiegelte, wurden als Ergänzung Interviews durchgeführt.

Das Kleingartenwesen in Karlsruhe – Entwicklung und Situation 2000/2002    
Die ersten Kleingärten Karlsruhes entstanden 1913 im Stadtteil Dammerstock als ‚Kleingartenkolonie Dammerstockgärten‘. Die 260 Parzellen dienten vorrangig der Versorgung der nahen Südstadt, in der viele (Bahn-)Arbeiter lebten. Die Anlage musste bereits 1929 dem Wohnungsbau weichen und wurde verlagert. Besonders zwischen 1919 und 1948 nahmen sowohl die Parzellen als auch die bewirtschaftete Fläche stets zu. Infolge des Mangels an Lebensmitteln während der Nachkriegsjahre, wurden im Jahr 1948 auf einer Fläche von 330ha ca. 12.000 Parzellen bewirtschaftet. Im Jahr 2002 bestanden auf 310ha ca. 9000 Kleingärten.        
Bei der Umfrage in den neun Kleingartenvereinen (in Anlagen gemäß BKleingG) aus dem Jahr 2000 ergab sich folgende Situation:

  • Die Kleingärtner sind überdurchschnittlich alt. 18% der Karlsruher Bevölkerung sind 65 Jahre und älter, bei den Kleingärtner sind es 31,5%
  • Bei den Haushaltstypen dominieren die Senioren (>60 Jahre, alleinstehend oder als Paar lebend), 26% der Kleingärtner leben in einer Familie mit Kindern unter 18 Jahren
  • Die Schulbildung der Kleingärtner ist überdurchschnittlich hoch, ebenso der Anteil an Rentnern / Pensionären (42,6%).
  • 44,4% der Kleingärtner haben den Garten von Eltern/Verwandten übernommen, auch die meisten (39,6%) Neugärtner mussten weniger als ein Jahr auf ihre Parzelle warten.
  • Knapp 30% der Befragten bewirtschaften ihren Kleingarten seit mehr als 20 Jahren.
  • Während der Sommermonate besuchen 92,3% der Kleingärtner ihren Garten mehrmals pro Woche oder täglich.
  • Bei der Nutzung des Gartens unterscheiden sich die Haushaltstypen deutlich: ältere Gärtner verbringen oft täglich viele Stunden in ihrem Garten, während bei 15,9% der Familien mit Kindern unter 18 Jahren der Garten nur am Wochenende genutzt wird.
  • Die Motive der Gartennutzung unterscheiden sich auch, Familien mit Kindern schätzen neben der allgemeinen Erholung v.a. den Freiraum für Kinder zum Spielen, während die anderen Haushaltstypen die Gartenarbeit und das biologisch angebaute Gemüse schätzen.
  • 94,6% der Befragten sind mit ihrem Garten zufrieden bis sehr zufrieden.
  • Die Organisation in Vereinsform stößt bei den meisten Kleingärtnern weder auf große Zu- noch Abneigung.

Die Situation aus Sicht der Vereinsvorstände: Die Befragung der Vereinsvorstände zeichnete teilweise ein einheitliches, teilweise aber auch ein sehr vielschichtiges bis gegensätzliches Bild der einzelnen Anlagen.     


Entwicklung in den letzten Jahren: Viele Vorstände gaben an, dass sich die Bewerberstruktur verändert hat. Werden freie Gärten inseriert, so melden sich überwiegend Russlanddeutsche oder Ausländer. Während einige Vorstände von sehr vielen interessierten jungen Familien berichten, scheint diese Gruppe in anderen Vereinen gänzlich zu fehlen. Das Gemeinschaftsgefühl wird eher als gut eingeschätzt, aber auch hier gibt es große Unterschiede. In einigen Anlagen stehen Gärten leer, in anderen stehen 50 Personen auf der Warteliste. Als Ursachen sind hier u.a. die unterschiedliche Attraktivität der Lagen anzusehen, ebenso das teilweise vorgenommene Aussortieren der ‚Karteileichen‘. Die Neuverpachtung scheitert hin und wieder aus finanziellen Gründen. In manchen Anlagen wird der allgemeine Trend zum Freizeitgarten kaum wahrgenommen, häufig sind dies Gärten mit einem hohen Anteil an Aussiedlern. In vielen Parzellen steht der Freizeitgarten jedoch klar im Vordergrund, so dass es Sorgen um die planerische Absicherung über das BKleingG gibt.      


Familien mit (kleinen) Kindern / Ältere: Knapp die Hälfte der befragten Vorstände ist der Meinung, dass die Zahl der Kinder in den letzten Jahren zugenommen hat. In den Gärten, in denen noch keine Verjüngungstendenzen zu beobachten sind, wird dies häufig bedauert. Hier wird auch auf ein Problem des demografischen Wandels hingewiesen: „Familien mit Kindern werden schon bevorzugt, wenn ihnen der Garten nicht zu teuer ist. Weil man möchte dass mehr Junge in den Garten kommen. Es geht ja auch darum: wir machen Gemeinschaftsarbeit. Die Altersstruktur wird immer älter und die älteren Leute die können das einfach nicht mehr. Die können mal ein paar Sträucher schneiden, etwas streichen oder so, aber wir brauchen halt auch junge Leute, die mal ein bisschen zupacken können“ (Interview Nr. 4). Häufig scheint die Verjüngung der Gärten an der Ablösesumme zu scheitern, auch die älteren Gartennachbarn freuen sich nicht immer über aufkommendes Kindergeschrei. Unter diesem Aspekt und der Annahme, dass junge Familien eine Anlage bevorzugen, in der bereits Kinder sind, ist es denkbar, dass sich im Laufe des Strukturwandels Anlagen mit besonders hohen und besonders niederen Kinderanteilen entwickeln. Teilweise versuchen die Vereine durch verschiedene Aktionen die Kommunikation zwischen Alt und Jung anzuregen. Für die älteren Menschen hat der Garten sehr oft eine große Bedeutung, er wird oft  besucht und bestmöglich gepflegt. Muss der Garten aus Altersgründen abgegeben werden, fällt dies den Kleingärtnern oft sehr schwer.  

           
Migranten: Migranten sind in allen Anlagen vertreten. Auch hier gibt es große Unterschiede: während die einen Vorstände das Verhältnis zwischen Deutschen und Gärtnern mit Migrationshintergrund als unproblematisch bis bereichernd beschreiben, scheint der Kontakt in anderen Anlagen kaum vorhanden bzw. problematisch zu sein. An Vereinsaktivitäten beteiligen sich Migranten seltener. Manchmal versuchen mehrere Interessenten aus einem Herkunftsland nebeneinander gelegene Gärten zu pachten. Einige Vorstände versuchen dies zu unterbinden, da sie mit einer bunt gemischten Anlage besser Erfahrungen gemacht haben. Andere Vorstände haben nichts gegen die Gruppenbildung, die als freiwillige Segregation bezeichnet werden kann. In vielen Anlagen werden die Probleme mit den Spätaussiedlern, zumeist Russlanddeutschen als besonders stark empfunden: „Gerade die Russen, die schaffen Samstags und Sonntags, Sonntags schaffen sie mit der Kreissäge, mähen Rasen, machen Feuer und das ist … schon lästig“ (Interview Nr. 8). Außerdem hat der Garten für Russlanddeutsche häufig eine noch wichtigere Bedeutung als für ‚alteingesessene‘ Deutsche, er ist Erinnerung an die Heimat und ein beliebter Ort für Feste.

Schlussfolgerungen
Das Interesse an Kleingärten hat nach eine Phase der Stagnation in vielen Vereinen wieder zugenommen. Es wird im Wesentlichen von zwei Gruppen getragen: Migranten und Familien mit kleinen Kindern. Dass diese beiden Interessengruppen in den Vereinen nicht gleichermaßen intensiv wahrgenommen werden hat verschiedene Ursachen. Diese sind einerseits mit der räumlichen Lage, aber auch eng mit den Zugangshürden in Kleingartenvereine verknüpft. Die Zugangshürden sind je nach Interessentenkreis unterschiedlich. Dass sehr viele Pächter (44,4%) den Garten von ihren Eltern oder Verwandten übernommen haben und somit schon vor Pacht des Gartens nachweislich ‚soziale Beziehung‘ zum Kleingarten hatten, stärkt die von TESSIN  vorgebrachte Milieuhypothese. Zugangshürden gibt es für diese Interessenten kaum. Das Interesse von Migranten an einem Garten ist besonders darin begründet, das viele in ihrer Heimat einen Garten bewirtschafteten und im Garten deshalb auch ein Stück Heimat sehen. Sie möchten vorwiegend einen Garten haben, das dazugehörige Vereinswesen ist ihnen jedoch fremd.  Kleingartenvereine werden als fest in deutscher Hand befindliche Räume empfunden. Dies ist mit ein Grund, weshalb die Anteile an Migranten in den unorganisierteren Gärten der Bahn-Landwirtschaft höher sind. Kleingartenvereine sind für Migranten dann attraktiv, wenn eine Kleingartenanlage so gelegen ist, dass viele Migranten in ihrer Nähe wohnen und sich als Gruppe dann stark genug für eine Annäherung fühlen. Gerade für junge Familien ist das betagte Image der Kleingärten eine Zugangshürde. Viele wollen einen Garten haben, aber das Image von Kleingartenvereinen bremst den Wunsch. Wenn eine Familie sich dennoch entschließt, sich bei einem Verein nach einem Garten zu erkundigen und dann zu hören bekommt, dass sie Kinder auf die ruhebedürftigen, älteren Nachbarn Rücksicht nehmen sollen, dann wird das negative Image zur Realität. Es ist positiv zu werten, dass die Stadt z.B. durch den Bau von öffentlichen Spielplätzen im Bereich der Kleingartenanlagen für diese Gruppe Zeichen setzt. Finanzielle Zugangshürden bestehen meist nur für einzelne Parzellen mit hohen Ablösesummen. Durch die einheitliche Wertermittlung und die Bemühungen die Lauben einfach zu halten, gibt es aber  - wenn man bereit ist eine kurze Wartezeit in Kauf zu nehmen - in allen Anlagen bezahlbare Gärten.     
Angesichts der großen Zufriedenheit der Kleingartenpächter, der durch Flächenverkäufe stark im Rückgang begriffenen Bahngärten, des großen Interesses von Migranten an Gärten, dem zunehmenden Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung und der Möglichkeit Kindern einen naturnahen Freiraum zu bieten, sollten die Städte die Möglichkeiten der Kleingärten zusammen mit den Kleingartenverbänden als soziales Instrument verstärkt (aus-)nutzen.