1. Preis 2014

Kleingartenentwicklungskonzept der Stadt Wittenberge – Umstrukturierung von Kleingartenanlagen im Kontext des Stadtumbaus

Johannes Fischer (M.Eng.), 29.10.2014


Hintergrund und Aufgabenstellung

Im Sommer 2013 feierte das Kleingartenwesen in Wittenberge sein 125-jähriges Bestehen. Die erste Kleingartenanlage der Stadt wurde mit der einsetzenden Industrialisierung im Jahr 1888 gegründet. Seitdem gewann das Kleingartenwesen in der aufblühenden Industriestadt an Bedeutung. Durch die Wiedervereinigung und den folgenden gesellschaftlichen Wertewandel erlitt Wittenberge starke Bevölkerungsverluste. Infolgedessen steht eine steigende Zahl der einst begehrten Kleingärten leer. Heute stellt sich die Frage: Was ist die Zukunft des Kleingartenwesens in Wittenberge? Die Stadt steht exemplarisch für die Situation des Kleingartenwesens in den strukturschwachen Regionen Deutschlands.

Bestandsaufnahme und -bewertung

Im Jahr 2013 standen 21 % der Kleingärten in Wittenberge leer (Kreisverband Gartenfreunde e. V. Prignitz, 2013). Trotz finanzieller Engpässe ist es dem Kreisverband Gartenfreunde e. V. Prignitz gelungen, bereits 150 Kleingärten vollständig zu beräumen. Durch den Leerstand von Kleingärten entstehen dem Kreisverband insbesondere finanzielle Probleme. So muss die Pacht in der Regel weiterhin in voller Höhe an private Eigentümer entrichtet werden, obwohl Parzellen nicht genutzt werden. Hinzu kommen hohe Entsorgungskosten bei dem Rückbau der Gärten (siehe Abb. 1).

Die Kleingartenanlagen in Wittenberge wurden auf Grundlage der Wertträger städtebauliche Lage, Vernässungsgefahr bei Hochwasser und Lärmimmissionen bewertet. Eine vorangegangene Analyse hat gezeigt, dass diese Kriterien für eine vergleichende Bewertung der Anlagen ausreichen. Im Ergebnis zeichnen sich rund 70 % der Kleingartenanlagen durch einen hohen bis mittleren Gesamtwert aus. Nur 30 % der Anlagen weisen einen geringen Gesamtwert auf. Die Kleingartenanlagen werden aufgrund ihrer Bewertung den Entwicklungszielen zugeordnet. So sollen Anlagen mit einem geringen Gesamtwert zurückgebaut werden, während ein hoher oder mittlerer Gesamtwert für den Erhalt einer Anlage spricht.

Aufgrund des starken Bevölkerungsverlustes von rund 17 % in den letzten 10 Jahren ist auch ein drastischer Anstieg des Wohnungsleerstands zu erwarten (Basler + Partner GmbH, 2009). Die Stadt Wittenberge reagiert auf diese Entwicklung mit dem Stadtumbau. Im Vordergrund steht – zugunsten der Konsolidierung der Innenstadt – der Rückbau der Wohnsiedlungen Külzberg und Allendeviertel, die in der Großplattenbauweise errichtet wurden.

Die Bestandsaufnahme und -bewertung im Rahmen des Kleingartenentwicklungskonzeptes muss grundsätzlich die Ziele und Maßnahmen des Stadtumbaus beinhalten. Dieser Punkt ist allgemein auch in dem Gliederungsvorschlag der GALK für Kleingartenentwicklungskonzepte enthalten (GALK, 2011). Die tiefgreifenden Veränderungen, die der Stadtumbau in den Gemeinden auslöst, wirken sich auch auf den Bestand an Kleingärten aus. Die Untersuchung in Wittenberge zeigt, dass einige Kleingartenanlagen durch den Rückbau von Geschosswohnungen in immer größerer Entfernung zu den Wohngebieten liegen werden. Im Rahmen der Bewertung der Kleingartenanlagen muss daher nicht nur der aktuelle, sondern auch der zukünftige Wert ermittelt werden.

Prognose der Nachfrageentwicklung

Auf Grundlage der Nachfrageentwicklung und der Anwendbarkeit existierender Prognosemethoden wurde für Wittenberge die bevölkerungs- und monitoringgebietsbezogene Prognosemethode entwickelt. Diese berücksichtigt die Bevölkerungsentwicklung und die spezifische Nachfrage der verschiedenen Stadtquartiere. Die Prognose trägt den tiefgreifenden Veränderungen – u. a. der Wohnqualität – infolge des Stadtumbaus Rechnung und ermöglicht es, die Berechnung an unvorhergesehene Entwicklungen oder vorgezogene Maßnahmen des Stadtumbaus anzupassen. Damit ist die Methode nicht nur zur verlässlichen Prognose des Kleingartenbedarfs geeignet, sondern auch zum Monitoring der Nachfrageentwicklung im Kontext des Stadtumbaus. Im Jahr 2030 wird in Wittenberge ein Bedarf von 935 Kleingärten bestehen, was 61 % des Bestands aus dem Jahr 2009 entspricht.

Insbesondere in den schrumpfenden Städten beeinflusst der Stadtumbau die Nachfrage nach Kleingärten. So werden typischerweise Wohngebiete in Plattenbauweise zurückgebaut. Genau diese weisen aber die höchste Kleingartennachfrage auf: In Wittenberge wohnt nahezu jeder zweite Kleingärtner in der „Platte“. So senkt der Rückbau von Quartieren mit schlechter Wohnqualität den Kleingartenbedarf zusätzlich. Dieser Fakt muss bei der Nachfrageprognose unbedingt Berücksichtigung finden. Dazu ist die quartiersspezifische Nachfrage und deren Veränderung durch Maßnahmen des Stadtumbaus zu ermitteln. So wird der Heterogenität der gebauten und gelebten Stadt Rechnung getragen.

Kleingartenentwicklungskonzept 2030

Das Leitbild der Kleingartenentwicklung für Wittenberge beinhaltet vier Handlungsfelder (nach Stadt Cottbus, 2012). Aufgrund des hohen Leerstands und der weiter sinkenden Nachfrage liegt der Schwerpunkt der Kleingartenentwicklung in Wittenberge auf einer bedarfs- und funktionsgerechten Entwicklung der Kleingartenanlagen. Um dies zu ermöglichen, ist eine Prozesssteuerung notwendig, die u. a. die Finanzierung und Beteiligung sicherstellt. Die Öffentlichkeitsarbeit dient als flankierendes Handlungsfeld zur Sicherung der Nachfrage und zur Imagepflege.

Der Maßnahmenplan weist insgesamt 954 Kleingärten für den Erhalt aus. So ergibt sich im Jahr 2030 eine fiktive Leerstandsrate von 2 %. Dadurch wird ein Puffer für eventuelle Abweichungen von der Prognose geschaffen. Der Rückbau von 629 Kleingärten ermöglicht demnach eine bedarfsgerechte Kleingartenentwicklung.

Die Kosten für den Rückbau belaufen sich in Wittenberge auf 2,268 Mio. Euro bis zum Jahr 2030. Der Kreisverband und die Kleingartenvereine sind nicht in der Lage, den Rückbau ehrenamtlich zu leisten. Daher ist eine Auftragsvergabe notwendig. Der große Kostenumfang rechtfertigt die Forderung der Kleingärtner nach einem bundesweiten Förderprogramm. Bis dahin müssen jedoch die Kommunen für die Finanzierung aufkommen, um eine geordnete Entwicklung abzusichern. Der gesamte Prozess des Umbaus muss durch ein Monitoring begleitet werden, indem das vorliegende Konzept alle fünf Jahre fortgeschrieben wird.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Ergebnis der Studie des BMVBS aus dem Jahr 2008 auch für Wittenberge seine Gültigkeit besitzt: Trotz der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wird das Kleingartenwesen Wittenberges auch in Zukunft einen hohen Stellenwert einnehmen (nach BMVBS, 2008). Bis zum Jahr 2030 müssen zwar erhebliche Bestandsreduzierungen vorgenommen werden, die Kleingartenanlagen werden jedoch an Bedeutung und Qualität gewinnen.

Empfehlungen zur Kleingartenentwicklung in strukturschwachen Regionen

Die Untersuchung in Wittenberge hat gezeigt, dass die Art der Nachnutzung Synergieeffekte für die Finanzierung des Rückbaus bürgt. Bei der Umnutzung zu einem Gewerbegebiet kann der Rückbau im Zuge der Erschließung erfolgen. Auch naturschutzrechtliche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sichern sowohl die Finanzierung als auch die Nachnutzung ab. Die Kleingartenentwicklung muss daher in die Stadtentwicklung integriert ablaufen. In der Praxis besteht daher die Anforderung an das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK), der Freiraumentwicklung stärker Rechnung zu tragen. Die Situation in Wittenberge hat verdeutlicht, dass der Umgestaltung zu Kleingartenparks in schrumpfenden Städten eine untergeordnete Bedeutung zukommt. Im Wesentlichen ist dies auf die Überversorgung mit öffentlichen Freiflächen in Folge des Bevölkerungsverlusts zurückzuführen.

Die Untersuchung hat die fachliche Notwendigkeit verdeutlicht, den Stadtumbau bei der Erstellung von Kleingartenentwicklungskonzepten zu berücksichtigen. Dadurch wird eine umfassende Bewertung der Kleingartenanlagen sichergestellt. Darüber hinaus ergibt sich eine höhere Prognosesicherheit für die Vorausberechnung des Kleingartenbedarfs. Die allgemeine Forderung der GALK wird damit auf alle Abschnitte des Kleingartenentwicklungskonzeptes ausgedehnt. Die Bewältigung des Leerstands in Kleingärten folgt dadurch stärker als bisher der Entwicklung integrativer Lösungen. Die vorherrschende reaktive Bewältigung des Leerstands führt zum Verlust von Entwicklungsperspektiven und wertvollen Kleingartenanlagen. Vor dem Hintergrund der anstehenden Umstrukturierung in allen schrumpfenden Städten kommt der aktiven Gestaltung der Zukunft des Kleingartenwesens eine hohe Bedeutung zu. Das Kleingartenentwicklungskonzept stellt dabei ein wichtiges Instrument dar und muss entsprechend umfassend erarbeitet werden.

Literaturverzeichnis

Basler + Partner GmbH. 2009. Fortschreibung Stadtumbaustrategie der Stadt Wittenberge. [Online] 30.11.2009. [Zitat vom: 07.04.2014] http://daten2.verwaltungsportal.de/dateien/seitengenerator/stadtumbaustrategie.pdf.

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). 2008. Städtebauliche, ökologische und sozile Bedeutung des Kleingartenwesens. [Online] 2008. [Zitat vom: 09.12.2013] http://www.bbsr.bund.de/cln_016/nn_23494/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/BMVBS/Forschungen/2008/Heft133.html.

Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK). 2011. Gliederung Kleingartenentwicklungskonzept. [Online] 31.11.2011. [Zitat vom: 31.10.2013] http://www.galk.de/arbeitskreise/ak_klgwesen/down/gliederung_kep_110331.pdf.

Kreisverband Gartenfreunde e. V. Prignitz. 2013. Kleingartenentwicklungskonzept des Kreisverbandes Gartenfreunde e. V. Prignitz. Wittenberge: s.n., 2013.

Stadt Cottbus. 2012. Kleingartenentwicklungskonzept der Stadt Cottbus. [Online] 2012. [Zitat vom: 31.10.2013] http://www.gartenfreunde-lv-brandenburg.de/files/12_1029-CB-KEK-cottbus.pdf.